Publiziert von: Manuela Raschle
Bereitgestellt: 01.11.2026
Böse Hexe abgestempelt, schwieriger Mensch abgeschrieben? Der November erinnert daran, dass Verletzungen eine Vorgeschichte haben und nicht das letzte Wort behalten müssen.
Manuela Raschle,
Hexen sind nur Fabelwesen, denen das Schicksal mies mitgespielt hat. Diese Weisheit stammt nicht von mir. Sie kommt von unserer Tochter. Damals war sie ungefähr drei Käse hoch und bereits fest davon überzeugt, dass niemand einfach so böse ist.
Die böse Hexe im Märchen? Da muss vorher etwas passiert sein. Die fiese Figur im Film? Bestimmt verletzt, enttäuscht oder verraten worden.
Wir Erwachsenen sind weniger grosszügig. Böse Hexe ist böse Hexe. Fertig.
Dann kam Maleficent.
Wer Dornröschen kennt, kennt die Dame mit den Hörnern, dem finsteren Blick und dem Fluch auf ein unschuldiges Baby. Sympathiepunkte sammelt man anders.
Doch der Film erzählt mehr. Maleficent bekommt ein Davor. Ein Verrat trifft sie dort, wo vorher Vertrauen war. Aus der Beschützerin wird eine, vor der sich andere fürchten. Der Film stellt damit eine herausfordernde Frage. Was machen Verletzungen aus einem Menschen?
Mitten im Kino ertönte aus unserer Reihe die Stimme unserer Tochter. Nicht gerade im Flüsterton. «Ich hab’s gewusst! Man ist nicht von Grund auf böse!»
Treffer.
Vielleicht fällt mir Maleficent deshalb im November wieder ein.
Der November ist kein besonders märchenhafter Monat. Es wird früh dunkel, kahle Bäume säumen die Strassen, der Nebel kriecht aus seinem Versteck und nasse Strassen werden zu persönlichen Herausforderungen.
Gegen Ende des Monats begehen wird den Ewigkeitssonntag. Wir erinnern uns an Menschen, die gestorben sind. An Namen, Gesichter, Eigenheiten, gemeinsame Jahre und manchmal an Schwieriges, das geblieben ist.
Gerade am Ewigkeitssonntag wird spürbar, dass ein Mensch nie nur das ist, was zuletzt sichtbar war. Ein Leben besteht aus viel mehr. Aus Nähe und Distanz, Freude und Verletzungen, Gelungenem und Verpasstem. Manche Geschichten sind abgeschlossen, andere wirken noch lange weiter.
Für mich kommen sich der November und Maleficent hier besonders nahe. Sie trägt Vergangenes mit sich herum, doch es bleibt nicht einfach zurück. Aus dem, was ihr angetan wurde, wächst ein Fluch, der plötzlich jemand anderen trifft. Spätestens da ist das Märchen gar nicht mehr so weit weg von unserem Leben. Denn manches verschwindet nicht, nur weil Zeit vergangen ist. Manches tragen wir länger mit uns herum, als uns lieb ist.
Die Frage ist, was es mit unserem Heute machen darf.
Paulus schreibt: «Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.» Römer 12,21, Zürcher Bibel
Am Ewigkeitssonntag bekommt dieser Satz für mich noch einmal ein anderes Gewicht. Wir können Vergangenes nicht ändern. Wir können Verstorbene nicht zurückholen. Wir können nicht rückgängig machen, was zwischen Menschen verletzt, zerbrochen oder ungeklärt geblieben ist. Trotzdem muss das Vergangene nicht bestimmen, wie die Geschichte weitergeht. Ich muss nicht weitergeben, was mir angetan wurde. Ich muss nicht für immer die Rolle spielen, die mir eine Verletzung einmal gegeben hat.
Unsere Tochter hatte damals mit ihrem lauten Kinokommentar mehr getroffen, als ihr vermutlich bewusst war.
«Man ist nicht von Grund auf böse.»
Vielleicht liegt deshalb zwischen Maleficent und dem Ewigkeitssonntag gar nicht so viel Abstand. Beide erinnern mich daran, dass hinter dem, was wir sehen, eine ganze Geschichte liegt.
Wie ist das bei Ihnen? Welche Erinnerung darf bleiben, welche darf getrost verschwinden, ohne weiterhin über Ihr Heute zu bestimmen? Wenn Sie mögen, schreiben Sie mir ein paar Zeilen.
Manuela Raschle
Gemeindeanimation und Sozialdiakonie
manuela.raschle@ref-uzwil.ch
Die böse Hexe im Märchen? Da muss vorher etwas passiert sein. Die fiese Figur im Film? Bestimmt verletzt, enttäuscht oder verraten worden.
Wir Erwachsenen sind weniger grosszügig. Böse Hexe ist böse Hexe. Fertig.
Dann kam Maleficent.
Wer Dornröschen kennt, kennt die Dame mit den Hörnern, dem finsteren Blick und dem Fluch auf ein unschuldiges Baby. Sympathiepunkte sammelt man anders.
Doch der Film erzählt mehr. Maleficent bekommt ein Davor. Ein Verrat trifft sie dort, wo vorher Vertrauen war. Aus der Beschützerin wird eine, vor der sich andere fürchten. Der Film stellt damit eine herausfordernde Frage. Was machen Verletzungen aus einem Menschen?
Mitten im Kino ertönte aus unserer Reihe die Stimme unserer Tochter. Nicht gerade im Flüsterton. «Ich hab’s gewusst! Man ist nicht von Grund auf böse!»
Treffer.
Vielleicht fällt mir Maleficent deshalb im November wieder ein.
Der November ist kein besonders märchenhafter Monat. Es wird früh dunkel, kahle Bäume säumen die Strassen, der Nebel kriecht aus seinem Versteck und nasse Strassen werden zu persönlichen Herausforderungen.
Gegen Ende des Monats begehen wird den Ewigkeitssonntag. Wir erinnern uns an Menschen, die gestorben sind. An Namen, Gesichter, Eigenheiten, gemeinsame Jahre und manchmal an Schwieriges, das geblieben ist.
Gerade am Ewigkeitssonntag wird spürbar, dass ein Mensch nie nur das ist, was zuletzt sichtbar war. Ein Leben besteht aus viel mehr. Aus Nähe und Distanz, Freude und Verletzungen, Gelungenem und Verpasstem. Manche Geschichten sind abgeschlossen, andere wirken noch lange weiter.
Für mich kommen sich der November und Maleficent hier besonders nahe. Sie trägt Vergangenes mit sich herum, doch es bleibt nicht einfach zurück. Aus dem, was ihr angetan wurde, wächst ein Fluch, der plötzlich jemand anderen trifft. Spätestens da ist das Märchen gar nicht mehr so weit weg von unserem Leben. Denn manches verschwindet nicht, nur weil Zeit vergangen ist. Manches tragen wir länger mit uns herum, als uns lieb ist.
Die Frage ist, was es mit unserem Heute machen darf.
Paulus schreibt: «Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.» Römer 12,21, Zürcher Bibel
Am Ewigkeitssonntag bekommt dieser Satz für mich noch einmal ein anderes Gewicht. Wir können Vergangenes nicht ändern. Wir können Verstorbene nicht zurückholen. Wir können nicht rückgängig machen, was zwischen Menschen verletzt, zerbrochen oder ungeklärt geblieben ist. Trotzdem muss das Vergangene nicht bestimmen, wie die Geschichte weitergeht. Ich muss nicht weitergeben, was mir angetan wurde. Ich muss nicht für immer die Rolle spielen, die mir eine Verletzung einmal gegeben hat.
Unsere Tochter hatte damals mit ihrem lauten Kinokommentar mehr getroffen, als ihr vermutlich bewusst war.
«Man ist nicht von Grund auf böse.»
Vielleicht liegt deshalb zwischen Maleficent und dem Ewigkeitssonntag gar nicht so viel Abstand. Beide erinnern mich daran, dass hinter dem, was wir sehen, eine ganze Geschichte liegt.
Wie ist das bei Ihnen? Welche Erinnerung darf bleiben, welche darf getrost verschwinden, ohne weiterhin über Ihr Heute zu bestimmen? Wenn Sie mögen, schreiben Sie mir ein paar Zeilen.
Manuela Raschle
Gemeindeanimation und Sozialdiakonie
manuela.raschle@ref-uzwil.ch
