Zwischen Alltag und Amen

gebrochen (Foto: Bild:KI)
Schon wieder bricht die Mine. Meine Geduld ist inzwischen kürzer als der Bleistift. Der Papierkorb steht bereit, doch ausgerechnet dieser störrische Stift bringt mich zum Nachdenken.
Manuela Raschle,
Im Religionsunterricht bricht die Mine eines Bleistifts. Das Kind spitzt ihn, setzt an und die Mine bricht wieder. Es spitzt nochmals, wieder ab. Beim vierten Mal schaut es mich an und sagt: «Der ist kaputt. Ich brauche einen neuen.»

Ich kenne solche Momente gut. Der Papierkorb steht einen halben Meter entfernt, ein neuer Stift liegt in der Schachtel und ganz ehrlich, für Bleistiftfragen habe ich gerade weder Zeit noch Geduld.

Trotzdem sage ich, was ich irgendwann gelernt habe: «Der ist wahrscheinlich einmal heruntergefallen.»

Das kann bei einem Bleistift reichen. Fällt er auf den Boden, kann die Mine im Innern brechen. Von aussen sieht man nichts, das Holz ist heil, der Stift sieht aus wie jeder andere. Erst beim Schreiben zeigt sich, dass der Bruch tiefer sitzt. Kaum kommt Druck auf die Mine, bricht sie wieder.

Was hilft, klingt wenig eindrucksvoll. Nochmals spitzen, vorsichtig, ohne zu viel Druck und manchmal mehr als einmal. Der Stift wird dabei kürzer, trotzdem schreibt er wieder.

Die kurzen Stifte werfe ich übrigens nicht weg. Sie kommen zu den Kleinen. Für kleine Hände passen sie gut. Was für die einen verbraucht aussieht, kann für andere genau richtig sein.

An diesem Nachmittag habe ich länger als nötig über diesen Bleistift nachgedacht.

Manchmal begegnen mir Menschen, bei denen etwas Ähnliches sichtbar wird. Jemand reagiert scharf auf eine Kleinigkeit. Jemand zieht sich zurück, obwohl andere einfach weitermachen. Jemand hält einen Druck nicht aus, den ich selbst kaum bemerkt habe. Von aussen war vorher nichts zu sehen.

Menschen sind keine Bleistifte. Sie lassen sich nicht einfach zurechtspitzen, bis alles wieder gut ist. Doch der Stift erinnert mich daran, dass ein Bruch tiefer reichen kann, als man von aussen erkennt. Vielleicht liegt das, was geschehen ist, zwei Jahre zurück, vielleicht zwanzig und oder mehr als ein halbes Leben.

Das entschuldigt nicht jedes Verhalten, es verändert meinen Blick. Ich frage mich häufiger, was jemand erlebt hat, und seltener, warum sich diese Person so anstellt. Manchmal braucht es keine schnelle Lösung, sondern Geduld, einen vorsichtigeren Umgang und jemanden, der nicht gleich zum nächsten Stift greift.

Im Psalm steht: «Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind» (Psalm 34,19, Zürcher Bibel). Nicht erst dann, wenn alles wieder heil ist. Gerade dort, wo der Bruch noch spürbar bleibt.

Wegwerfen geht schnell. Dranbleiben dauert länger und sieht oft nach wenig aus.

Der Bleistift des Kindes hat übrigens gehalten. Er ist jetzt kurz, ziemlich schief angespitzt und schreibt einwandfrei.

Wo lohnt es sich bei Ihnen gerade, genauer hinzusehen, bevor Sie jemanden abschreiben? Falls Sie mögen, erzählen Sie mir davon.

Manuela Raschle
Gemeindeanimation und Sozialdiakonie
manuela.raschle@ref-uzwil.ch