Wort zum Sonntag 24. Mai 2020 von Pfarrer Martin Bosshard

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Wohin ist Jesus gegangen?
Nachdenken über Weltbilder am Sonntag nach Auffahrt
Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen
ausser dem, der herabgestiegen ist,
der Menschensohn.
Johannes 3,13

Gott ist im Himmel (und Jesus bei ihm)
und du bist auf Erden
darum mache nicht viele Worte.
Prediger 5,1

So denken wohl manche Christen an diesem Sonntag zwischen Auffahrt und Pfingsten.

Mit der Himmelfahrt Jesu ist im Zeitalter der Weltraumfahrt kein Staat mehr zu ma-chen. Und dennoch fällt es niemandem ein, der Kirche diesen Feiertag zu nehmen. Wer von den Tausenden, die heute den Feiertag (und dazu noch das verlängerte Wochenende) geniessen, wollte denn darauf verzichten?! So bleibt es dabei: man lässt der Kirche das Fest, mit dem die meisten Leute nichts mehr anfangen können, damit der zusätzliche Feiertag nicht verloren geht.

Was das Fest für unseren christlichen Glauben bedeutet, hat Pfarrer Kurt Witzig in seinem Videogottesdienst am Auffahrtstag dargelegt.

Ein Hindernis für das Verständnis des Auffahrtsfestes ist für viele Leute der Gegen-satz zwischen den Vorstellungen, die in der Bibel beschrieben werden, und dem was die Naturwissenschaften heute lehren. Was aber die Spitzenforschung heute beschäftigt, wissen die wenigsten. Ich wollte das wissen und habe manches dazu gelesen und bin auf Erstaunliches gestossen. Natürlich habe ich mir dazu meine Gedanken als Theologe gemacht. Davon will ich hier berichten. Vorweg ein Bildwort, das vor allen unseren Gedanken stehen soll: Werner Heisenberg, ein berühmter Physiker, der im 20. Jahrhundert massgeblich an der Spitze der Forschung mitwirkte und 1932 den Nobelpreis für Physik bekam, sagte einmal:
Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaften
macht atheistisch. Doch auf dem Grund des Bechers wartet Gott.


Damit drückt Heisenberg eine Vision aus. Wir sollten uns jetzt nicht schon darauf freuen, dass die Naturwissenschaften Gott finden werden. Aber die Vision bleibt bestehen, dass die Naturwissenschaften nicht einfach gottlos sind und sein wollen. Das soll als Vorwort genügen.

Dazu passt auch das Bibelwort aus dem Johannesevangelium: Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen ausser dem, der herabgestiegen ist, der Menschensohn. Wirklich wissen kann das also niemand. Das würden auch die Naturwissenschaften nicht bestreiten Zum Menschensohn will ich hier nur eine kurze Erklärung geben. Der Begriff stammt aus einer Vision im 7. Kapitel des Danielbuches. (7,13) Dort erscheint ein Menschensohn vom Himmel her, der von Gott die Weltherrschaft bekommt. Daraus wurde im Judentum zurzeit Jesu die Erwartung, dass dieser Menschensohn am Ende der Welt erscheine und im Namen Gottes die Weltherrschaft übernehme. Dazu passt, was die Engel zu den Jüngern sagen: Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn in den Himmel habt auffahren sehen. (Apostelgeschichte 1,11)
So bleibt nun unser Satz aus dem Johannesevangelium: Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen ausser dem, der herabgestiegen ist, der Menschensohn. Und wir dürfen daran glauben, dass nach der Auffahrtsgeschichte Jesus gemeint ist.

Heute will ich mich mit den weltanschaulichen Problemen der Himmelfahrt Jesu beschäftigen. Vielen Menschen ist die Beschreibung der Bibel zu primitiv, wenn Jesus einfach in den Himmel hinauf schwebt. Wohin denn? Der Weltraum ist ja so unendlich gross!

Aber der Evangelist Lukas, der ja auch die Apostelgeschichte geschrieben hat, macht das genial und diskret: Jesus wurde vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. (Apostelgeschichte 1,9) Was eigentlich geschah, ist für uns nicht sichtbar, nicht zugänglich. Aber die Frage bleibt natürlich: Wohin ist Jesus entschwunden? Wo ist der Himmel?

Für unser menschliches Gefühl und für unser Alltagsleben ist der Himmel nach wie vor oben. Oder fühlen Sie sich als Mensch, der auf einer riesigen Kugel steht, die im Tempo von 72 000 Kilometern pro Stunde durch das Weltall rast und sich dabei um die eigene Achse dreht? Wohl kaum! Als Menschen, die wir auf der nördlichen Halbkugel leben, haben wir noch Glück. Wir dürfen aufrecht stehen. Aber denken wir doch zum Beispiel an die Australier: Sie leben auf der unteren Seite der Erdkugel. Dort müssten sie doch eigentlich mit den Füssen nach oben herabhängen. Sie erleben es aber nicht so, wie uns die Australier versichern. Sie leben gleich wie wir.

Und doch ist das wissenschaftliche Weltbild wahr. Die Welt ist eine Kugel. Erst die Raumfahrt machte das auch erlebbar – aber nur für die Raumfahrer – nicht für uns Erdenbürger. Und je nach der eigenen Vorbildung, nach dem eigenen Weltbild und Glauben, erlebten die ersten Raumfahrer das sehr verschieden:

Der erste Mann im Weltraum, der Russe Jurij Gagarin, sagte höhnisch: «Ich habe nachgesehen, es ist kein Gott da!» Auf dem gleich primitiven Niveau könnte man ihm antworten: «Du bist eben nicht weit genug oben gewesen!» Er hat damals, am 12. April 1961, die Erde nur umkreist. Er war gar nicht wirklich im Weltraum draussen.

Etwas anders erlebte es James Irwin, der amerikanische Astronaut, der Ende Juli 1971 mit Apollo 15 zum Mond flog. Er betrat zwar nicht als erster Mensch den Mond - das geschah zwei Jahre früher - aber er war der erste, der mit dem Mondauto auf dem Erdtrabanten herumfuhr. Er war von dieser Expedition und dem fernen Anblick der Erde dermassen berührt, dass er in seinem Herzen Gottes Gegenwart während seiner gesamten Zeit auf dem Mond spürte. Auch dieses positive Urteil über Gott - wie das negative von Gagarin - ist einfach die Wahrnehmung eines einzelnen Men-schen. Das beweist nur, dass man die Gottesfrage im Weltall verschieden beurteilen kann, denn auch James Irwin hat Gott auf dem Mond nicht angetroffen. Und die Expeditionen mit Flugkörpern und Robotern, die seither viel weiter in den Weltraum vorstiessen, haben Gott nicht gefunden, aber auch nicht gesucht. Von dieser primitiven Fragestellung hat man sich unterdessen zum Glück verabschiedet.

Für uns Erdenbürger geht die Sonne immer noch im Osten auf, zieht ihre Bahn am Himmel und geht im Westen wieder unter - wie für die Menschen Jahrtausende vor uns. Auch wenn das astronomisch betrachtet ganz anders ist. Mit unseren menschlichen Sinnen können wir also nicht einmal die astronomische Wirklichkeit der Erde als Kugel erfassen, nicht zu reden von unserem Sonnensystem oder gar dem Universum.

Könnte es da nicht auch sein, dass wir eine andere Wirklichkeit, die es auch noch gibt, mit unseren Sinnen nicht erfassen können? Ich meine das, was seit ewigen Zeiten als Himmel bezeichnet wird. Im Johannes Evangelium sagt Jesus zu Petrus, der ihn begleiten will: Wo ich hingehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen. (13,36) Der Himmel ist ein Ort, wo wir mit unserem menschlichen Körper nicht hin gelangen können.

Aber wo ist er denn - der Himmel? Die Welt Gottes ist eine besondere Welt, die uns nicht zugänglich ist. Jesus sagt, dass das Reich Gottes nahe gekommen ist. (Markus 1,15) Und doch sehen wir es nicht. Vielleicht befindet sich der Himmel – oder mit den Worten Jesu gesprochen - das Reich Gottes - nicht ausserhalb, sondern innerhalb unserer Welt in einer anderen Dimension, die mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbar ist.

Nehmen wir ein etwas vereinfachendes Beispiel aus der Welt der Technik: Radiowellen können wir weder sehen, hören noch riechen – und doch zweifelt niemand daran, dass es sie gibt. Das ist aber nur ein Bespiel. Das Reich Gottes besteht nicht aus Radiowellen! Als ich noch zur Schule ging, sagte es ein Religionslehrer so: Stellen wir uns vor, eine schwangere Frau spaziert am See und beschreibt ihrem Kind im Bauch, was sie sieht, hört, riecht. Das Kind kann das nicht sehen, vielleicht hören, und doch ist es Tatsache. Wirklich weiter führen uns diese Spekulationen nicht. Es sind Bilder, die uns helfen, zu einer Vorstellung zu kommen. Für mich bleibt es dabei: Gott lebt in einer Welt, die wir uns nicht vorstellen können und auch nicht vorstellen sollen. Aber die Welt Gottes ist nicht fern, sondern nah. Das Reich Gottes ist nahe gekommen, sagt Jesus. Deshalb kann der Ort ja auch nicht weit weg sein, wohin Jesus an Himmelfahrt ging.

Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch. Doch auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Mit diesem Satz, den Sie schon kennen, leite ich nun noch einige Gedanken zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie ein. Ich stütze mich dabei auf Gedanken des Astrophysikers Professor Bruno Binggeli, der bis zu seiner Emeritierung 2018 an der Universität Basel lehrte. (Beobachter Nr. 26/2014)

Manche Leute glauben, dass die Naturwissenschaften zu klaren und eindeutigen Ergebnissen kommen. Das ist aber nur so, wenn wir uns mit der Natur beschäftigen, wie sie mit unseren Sinnen erkennbar ist. Sobald Forscher mit besonderen Methoden in die kleinsten Bauteile der Materie vorstossen, gibt es keine eindeutigen Resultate mehr. Je nachdem, welche Fragen man stellt, bekommt man verschiedene Antworten. Ein Musterbeispiel aus der Quantentheorie zeigt folgendes: Ein Lichtquant oder Photon (ein Elementarteilchen) erscheint als Welle oder als Teilchen, je nach Art der Versuchsanlage. Man kann also nicht definitiv sagen, was es ist - Welle oder Teilchen. «Je genauer wir hinschauen, desto mehr entzieht sich die Materie dem Blick und löst sich auf in etwas nicht Materielles, wenn Sie wollen, Geistiges» sagt der Forscher Bruno Binggeli. Man kann also nicht einmal sagen, was Materie wirklich ist. Diese Theorie geht übrigens auf Heisenberg zurück: die Unschärferelation.

Die Natur setzt der menschlichen Erkenntnis Grenzen, über die man nicht hinaus kommt. Das gilt nicht nur für die Forschung, die sich mit den allerkleinsten Teilchen befasst. Auch bei der Erforschung der unendlichen Weite des Weltalls stösst die Forschung an Grenzen: Die Lichtgeschwindigkeit, eine Naturkonstante, die nicht übertroffen werden kann, setzt eine Grenze der Ausweitung, sodass wir nie ins unendlich Grosse gelangen. Davon berichtete die Fernsehsendung Einstein am 14. Mai. Die Astrophysikerinnen (ein weltweites Netzwerk von Frauen!) haben gerade mal einen Millionstel des Universums auf ihrer Weltallkarte festgehalten. Hier bringt nun Bruno Binggeli ein überraschendes Bild: «Wir sind damit auf unserer Welt in einer Art Blase nach oben und nach unten geschützt vor der Transzendenz zum Göttlichen. Und wir können getrost das Unendliche sozusagen wieder Gott zurückgeben.» Diese Blase, von der Bruno Binggeli redet, dieser beschränkte und geschützte Raum der menschlichen Erkenntnis erinnert mich an ein Bild, das man seit Jahrhunderten für primitiv hielt. In der antiken Welt beschrieben die Menschen die Erde als flache Scheibe, über der sich der Himmel wie eine grosse Käseglocke wölbt (siehe Bild am Schluss). Im Alten Testament betrachtete man diesen Lebensraum, den Gott geschaffen hatte, als Schutz vor der Macht des Chaos. Wie gesagt: Mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild hielt man das für überholt und primitiv. Und nun beschreibt ein Forscher die Grenzen der Astrophysik und der Quantentheorie mit eben diesem Bild. Diese Grenze betrachtet er nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Schutz - wie es schon die Bibel beschreibt. Es ist uns ein Raum gegeben zum Leben und zum Forschen. Die gegebenen Grenzen können wir nicht überschreiten. Aber darin haben wir noch für manche Generationen genug zu tun. So gesehen, ist das Weltbild, wie es uns die Bibel in Genesis 1 (1. Mose 1) beschreibt, keineswegs überholt, sondern weise.

Vielleicht waren diese Gedanken für manche von Ihnen zu hoch, zu kompliziert, sogar unverständlich. Ich finde, dass die Theologie sich auch mit Gedanken der Naturwissenschaft auseinandersetzen muss. Tut sie es nicht, wird sie in der heutigen Welt nicht ernst genommen und gläubige Christen werden belächelt. Etwas davon liess ich ins heutige Wort zum Sonntag einfliessen.

Zum Schluss lenke ich unsere Gedanken wieder zur Bibel zurück.
Mit allem Suchen in unserer Welt finden wir Gott nicht. Aber die Spuren seines Wir-kens kann finden, wer mit offenen Augen und offenem Herzen durchs Leben geht. Und wir können es spüren: Gott ist uns nahe.

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Au-gen sie nicht sehn. Matthias Claudius, Der Mond ist aufgegangen, 1779. (RG 599)

Gebet
nach Jörg Zink, wie wir beten können, s.49

Du, unser Gott,
der in der Höhe thront,
wir erheben unsere Augen zu dir.
Wir suchen dich nicht über den Wolken,
wir suchen dich nahe bei uns.
Aber du bist der Heilige, der Mächtige, der Erhabene,
darum erheben wir unsre Augen.
Darum rufen wir zu dir aus unserer Tiefe.

Aus der Tiefe, in der wir leben, rufen wir zu dir.
In der Tiefe erwarten wir deinen Geist,
der aus der Höhe zu uns kommt.
Wir können nicht rufen,
wenn du nicht selbst uns das Wort gibst.
Sende deinen Geist aus der Höhe,
damit wir glauben, damit wir dich lieben
und ein Wort finden, das dich ehrt.

In der Tiefe suchen wir dich,
in all den geringen Dingen,
in all dem Jammer,
der uns Menschen gefangen hält,
in allen dunklen Erfahrungen.
Du bist das Licht,
das von oben leuchtet,
das Leben, das von oben kommt,
der Geist, der von oben zu uns spricht.

Sende deinen Geist aus der Höhe,
damit wir nicht zu uns selbst sprechen,
wenn wir beten, sondern zu dir.
Damit wir nicht uns selbst zuhören,
wenn wir horchen, sondern dir.
Damit wir in dir leben und nicht nur in uns.
Damit du in uns bist
und nicht nur über uns.
Du naher Gott.
Auf dieser Erde warten wir auf dich.
Amen

Ein gesegneter Sonntag wünscht Ihnen
Pfarrer Martin Bosshard
Wort zum Sonntag
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Bereitgestellt: 23.05.2020     Besuche: 4 heute, 35 Monat 
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