Kurt Witzig

Von Bäumen lernen

P5101215<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-uzwil.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>475</div><div class='bid' style='display:none;'>9883</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>

Seinen Bedrohungen kann ein Baum nicht ausweichen. Er muss an seinem Platz stehen bleiben. Aber Bäume haben Taktiken, sich zu wehren und zu überleben.

Bäume kann man als Symbol des Menschen betrachten. Die Bibel tut es auch.

Von Bäumen können wir lernen.
Martin Bosshard,
Seinen Bedrohungen kann ein Baum nicht ausweichen.
Er muss an seinem Platz mit den Bedrohungen zurecht kommen. Den Bedrohungen zu trotzen, ist für einen Baum nicht immer gut. Es kann ihn Äste kosten oder sogar das Leben, wenn der Sturm ihn entwurzelt. Biegsame Bäume, die sich mit dem Sturm bewegen, leben besser.

Auch wir Menschen können unseren Bedrohungen oft nicht ausweichen. Wir müssen mit ihnen umgehen können. Wir müssen wissen, wie wir uns schützen. Wie beim Baum ist das Trotzen oft nicht empfehlenswert - viel eher das intelligente Mitgehen. Und wenn es uns doch erwischt? Lernen wir vom Baum, was er tut.

Ein Baum kann Schicksalsschläge verarbeiten.
Was tut er, wenn das Unwetter ihn erwischt hat - oder wenn Menschen ihm zugesetzt haben? Er lässt neue Äste wachsen. Man kann ihm sogar den Wipfel kappen - die meisten richten einen Ast in die Höhe als neuen Wipfel. Auch mit Frost kann ein Baum umgehen. Neben dem Haus, in dem ich wohne, steht ein Nussbaum. Vor drei Jahren wurde er im April von Frost und Schnee überrascht. Seine Blätter waren schon grün aber noch zart. Sie erfroren alle. Ich machte mir Sorgen. Aber er liess nochmal Blätter wachsen und im Sommer sah er aus wie immer. Bäume können nachwachsen - ein Wunder der Natur.

Wir Menschen können nicht nachwachsen wie die Bäume.
Ein verlorener Finger wächst uns nicht mehr nach. Er bleibt verloren, wenn er nicht durch die grosse Kunst der Ärzte gerettet wird.

Und doch können wir auch nachwachsen - im Geist, in der Seele.
Dafür gibt es wunderbare Beispiele. Was blinde Menschen leisten, bewundere ich. Sie kompensieren den Sehsinn mit ihren anderen Sinnen, die sie zusätzlich schärfen. Vor Jahren staunte ich bei einem Spitalbesuch, als ich einen blinden Patienten besuchte, der auf eine Operation wartete, die ihm sein Augenlicht zurückbringen sollte. Er wisse nicht so recht, ob er sich nun freuen sollte, sagte er mir. Denn er hatte sich so gut im Leben als Blinder eingerichtet. Und er engagierte sich sehr für die Ermutigung blinder Menschen.

Auch die Rollstuhlfahrer leisten Grosses. Ich erinnere mich an einen Primarschüler in einem recht verwinkelten Sonderschulheim, der mit seinem Rollstuhl herumflitzte - kaum langsamer als die andern. Und die Siege der Schweizer RollstuhlsportlerInnen in internationalen Wettbewerben sind ja bekannt. All das bewundere ich.

Nachwachsen in Geist und Seele hilft nach Schicksalsschlägen.
Ich denke da an Umberto, den ich in einem Kurs für Langzeitarbeitslose, den ich leitete, kennenlernte. Er suchte sich eine Beschäftigung in der leeren Zeit. Er begann, Bilder zu malen. Das erfüllte ihn. Er durfte seine Bilder sogar ausstellen. Die Anerkennung machte ihn glücklich. Später erzählte er mir, dass er, ohne das zu suchen, eine Stelle in seinem gelernten Beruf angeboten bekommen habe. Das brachte ihn in ein Dilemma. Um noch einmal sein Leben mit Berufsarbeit zu verdienen, steckte er seine Leidenschaft des Malens zurück und nahm die Stelle an. Manchmal geht es gerade dann vorwärts, wenn man nicht mehr krampfhaft danach sucht.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, erleben das Hinterbliebene oft so, wie wenn einem Baum die Äste abgehauen werden. Manche fühlen sich sogar wie entzwei geschnitten.

Wenn man einen Schicksalsschlag zu verarbeiten hat, ist es nicht hilfreich zu fragen; Wie kann Gott das zulassen? Womit habe ich das verdient? Gewiss, das sind begreifliche Fragen. Aber sie führen nicht weiter. Denken wir stattdessen an den Baum, dem Äste abgeschnitten wurden. Was tut er? Er lässt neue Äste wachsen. Aber wo denn? Vielleicht kennen Sie es vom Rosen-schneiden: Die Augen sind die Stellen, wo neue Triebe wachsen können. Noch verborgen, ist dort die Möglichkeit zu neuem Wachstum angelegt.

Nachwachsen in Geist und Seele hilft nach Schicksalsschlägen.
Fragen wir uns: Wo sind meine schlafenden Augen, in denen Fähigkeiten verborgen sind, die sich entfalten, die wachsen können, wie bei der Rose. Umberto fand seine Erfüllung beim Malen. Andere finden es in der Musik, im Handwerk. Aber auch in der Pflege von Beziehungen, von vernachlässigten und neuen, liegen grosse Chancen für eine erfülltes Leben. Auch wenn man es nicht erwartet: Die Lösung lauert überall!

Was ein Baum erlebt hat, sieht man ihm an.
Die Schicksalsschläge, die einem Baum im Lauf der Jahre zugefügt wurden, haben Spuren hinterlassen. Sie sind vernarbt, aber noch da. Sie gehören zu ihm. Aber das ist nicht schlimm. Ich finde eine knorrige, alte Linde interessant. Sie erzählt von einem vielfältigen Leben. So darf es doch auch bei uns Menschen sein. Wer sagt denn, dass ein makelloses Puppengesicht schöner ist als eines, dem man seine Lebenserfahrung ansieht?

Nur eines darf man bei einem Baum nicht zerstören: die Wurzeln, sonst stirbt er.
Bei uns Menschen ist es auch so. Ich denke da an Umberto. Warum konnte er das? Er war gläubiger Christ und im engeren Sinne Katholik.

In der Bibel steht es so: 7 Gesegnet der Mensch, der auf den HERRN vertraut und dessen Zuversicht der HERR ist: 8 Er wird sein wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, und zum Bach streckt er seine Wurzeln aus. Und nichts hat er zu befürchten, wenn die Hitze kommt, das Laub bleibt ihm; und im Jahr der Dürre muss er sich nicht sorgen, er hört nicht auf, Frucht zu bringen. Jeremia 17,7-8

Seine Wurzeln geben dem Baum Halt und Standfestigkeit. Durch seine Wurzeln ist der Baum mit dem Leben im Boden verbunden, zum Beispiel mit dem Pilzgeflecht. Da ist ein Nehmen und Geben. Mit seinen Wurzeln saugt er Wasser bis ins Blätterdach hinauf. Lebenswasser ist es für ihn. Zugleich gibt der Baum aber auch Zucker, den er in den Blättern mit Hilfe des Sonnenlichts produziert hat, ans Pilzgeflecht ab.

Auch wir Menschen haben unsere Wurzeln, durch die wir mit dem Leben verbunden sind. Manche Menschen haben ihre Wurzeln in der Heimat, wo sie aufgewachsen sind. Andere wiederum haben ihre Wurzeln in der Familie. Für Jugendliche ist es die Peergroup, wo sie sich bei Kollegen und Freundinnen zugehörig fühlen. Dort nehmen sie ihr Lebenswasser auf. Ein wichtiger Lebenssaft für alle ist die Gewissheit, dazu zu gehören, ein wichtiges Glied der Gemeinschaft zu sein, geliebt zu werden.

Zum Teil ist der Lebenssaft, von dem ich geschrieben habe, von Menschen, mit denen wir zusammenleben, abhängig. Der ist nährend und wichtig. Aber unabhängig von allem Äusseren, bekommen wir den wichtigsten Lebenssaft in der Beziehung zu Gott, wie es der Prophet Jeremia sagt: Gesegnet der Mensch, der auf Gott vertraut und dessen Zuversicht Gott ist: Er wird sein wie ein Baum, am Wasser gepflanzt.

Nicht jeder Baum ist am Wasser gepflanzt. Mancher muss seine Wurzeln ausstrecken und sein Lebenswasser suchen - in der Breite und in der Tiefe. Nicht anders geht es uns Menschen. Wir müssen unser Lebenswasser suchen: im Gebet, beim Bibellesen, im Gespräch über Erfahrungen damit, im Alltag, im Gottesdienst, und nicht zuletzt auch, wenn wir für andere da sind. Wer es aber findet, hat einen festen Stand im Leben und gleicht einem Baum, der sich keine Sorgen machen muss, weil er an einem wasserreichen Platz steht. Der hat auch die Voraussetzung, Frucht zu tragen für andere.

Wissen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wo Sie Ihren Lebenssaft bekommen? Es lohnt sich, dann und wann innezuhalten und dem nachzuspüren. Und wenn Sie es wissen, versuchen Sie, jeden Tag Kraft zu bekommen. Das hilft Ihnen, mit den Bedrohungen des Alltags umzugehen, auch wenn sie ihnen nicht entgehen können - und es hilft, für andere da zu sein.

Gesegnete Erfahrungen damit wünscht Ihnen

Pfr. Martin Bosshard


Bereitgestellt: 15.05.2020     Besuche: 22 Monat 
aktualisiert mit kirchenweb.ch