Kurt Witzig

Selig, die nicht sehen und glauben - Wort zum Sonntag

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Selig, die nicht sehen und glauben
Das sagt Jesus zum «ungläubigen» Thomas, der damit für viele Menschen zu einem negativen Beispiel gemacht wurde. Er wollte sehen, forderte Beweise, damit er glaube. Ich meine, dass das Thomas nicht gerecht wird, wenn man die Geschichte im Johannes-Evangelium ernst nimmt.
Martin Bosshard,
Jesus geht liebevoll auf seine Bedingung ein, wie im Kapitel 20, 19-29 zu lesen ist:
Am Abend des ersten Wochentages, an dem Jesus auferstanden war, kam er zu seinen Jüngern, die im Obergemach ihres Hauses beisammen waren und aus Angst die Türen verschlossen hatten. (v. 19-23)

«24 Thomas aber, einer der Zwölf, der auch Didymus genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte zu ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben. 26 Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war mit ihnen. Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! 27 Dann sagt er zu Thomas: Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagt zu ihm: Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht sehen und glauben!»

Aber auch die andern Jünger glaubten den Frauen nicht, die vom leeren Grab berichteten, wie bei Lukas 24,11 nachzulesen ist: «denen aber erschienen diese Worte wie leeres Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.» Thomas ist also in guter Gesellschaft.

Selig, die nicht sehen und glauben!
Oder wie es Paulus sagt: «Der Glaube kommt aus der Verkündigung, die Verkündigung aber geschieht durch das Wort von Christus» Römer 10,17

Wenn wir nun die Geschichten von den Jüngern nach Ostern, von den ersten Christen, anschauen, war das Wort offenbar doch nicht genug - und auch die Begeisterung der Frauen, die vom leeren Grab gekommen waren, machte für die Jünger den Bericht nicht glaubwürdiger. Ebenso führte der Bericht der Jünger, zu denen Jesus gekommen war, Thomas nicht zum Glauben. Es brauchte dazu immer eine Begegnung mit Jesus.

Bei Thomas beginnt der Auferstehungsglaube nicht mit dem Hören der Botschaft. Das hat ihn nicht gepackt - eher verwirrt. Wie konnte es sein, dass die anderen Jünger Jesus begegnet waren? Thomas fühlte sich ausgeschlossen. Was hatte er davon? Jesus nahm das Bedürfnis ernst. Thomas durfte sich persönlich davon überzeugen, dass Jesus auferstanden war. Und er durfte das mit Berührungen tun - handfest sozusagen.

Was erlebt wohl Thomas in dem Moment?
Wie er Jesus berührt, wird Thomas selbst berührt: in seinem Inneren.Er wird berührt von der Liebe: Jesus verurteilt ihn nicht, weil er nicht geglaubt hat. Im Gegenteil: Jesus nimmt sein Bedürfnis ernst. Thomas berührt nicht einfach Jesus. Er berührt seine Wunden - Müsste man sie nicht eher pflegen, verbinden, anstatt betasten? Aber da ist nichts zu verbinden. Die Schmerzen sind ausgestanden. Das zugefügte Leid ist vergeben. Das ist es wohl, was Thomas in seinem Innersten berührt: Der Friede nach dem ausgestandenen Leiden und das Gefühl, dass Jesus das auch für ihn getan hat.

Ich denke mir, dass Thomas sich nicht nur überzeugte, dass Jesus wirklich lebt. Nein er nahm auch wahr, wie Jesus lebt: aus der vergebenden Kraft der Auferweckung. Gott hat zum Guten gewendet, was böswillige Menschen an Bösem vorbereitet und ausgeführt haben. Aber Sie konnten es nicht gegen Gottes Willen zu Ende führen, auch wenn es so aussah. Im Wunder der Auferstehung spürte Thomas - und wohl die anderen Jünger, die zuschauten auch - die Kraft neuen Lebens aus der Vergebung.

«Sei nicht ungläubig sondern gläubig», sagt Jesus zu Thomas. Und Thomas antwortet nicht: «Jetzt glaube ich, dass du auferstanden bist» sondern «mein Herr und mein Gott!» Damit anerkennt er Jesus als seinen Heiland. Anerkennen, dass die Auferstehung tatsächlich geschehen sei, wäre zu wenig, bliebe ausserhalb seiner Seele.

Ich habe die Geschichte nun gedanklich etwas ausgemalt und hoffe, dass ich damit nicht falsch liege, sondern eine wichtige Dimension der Geschichte erschlossen habe.

Schön für Thomas! vor bald 2000 Jahren! Was haben denn wir von dieser Geschichte?
Was Thomas tun durfte, können wir nicht auch tun. Hier kommen wir nun zum letzten Satz unserer Geschichte und zum Titel der heutigen Betrachtung: «Selig, die nicht sehen und glauben.» Wie ist er richtig zu verstehen? Um den Satz verständlicher zu machen, haben Übersetzer immer wieder Ergänzungen in den Text eingefügt. Zum Beispiel: «Selig, die nicht sehen und doch glauben!»

Damit wird der Gegensatz von Sehen, Beweisen gegen Glauben aufgebaut und verallgemeinert: Selig, die nicht sehen und doch glauben - ohne Nachprüfung, ohne Beweise.

Selig, die nicht sehen und doch glauben - ohne Nachprüfung, ohne Beweise. Die Übersetzer der neuen Zürcher Bibel halten das nicht für richtig. Sie fügen eine andere Ergänzung ein. «Selig, die nicht mehr sehen und glauben!» In einer Anmerkung wird die Übersetzung erklärt: «Selig gepriesen werden die Glaubenden der späteren Zeit, die Jesus nicht mehr selber sehen, sondern auf das Zeugnis der Augenzeugen bzw. des Evangeliums angewiesen sind.»

Jesus spielt damit auch auf unsere heutige Situation an. Wir lesen und hören die Geschichten von der Auferstehung Jesu und wie er seine Jünger danach besuchte. Vielen heutigen Menschen mag es gehen wie Thomas. Sie können nicht glauben, dass das so geschehen sei. Die Frage treibt ihren Verstand um -im Inneren aber werden sie davon nicht berührt. Thomas hat gesehen und gefühlt, aber nach ihm kommt eine ganze Welt, die fragt wie er, und ihr wird keine neuerliche Vision zuteil.

Was Thomas tun durfte, können wir nicht auch tun.
Zwar ist es möglich, anderen Menschen zu glauben, dass sie etwas Bedeutendes erfahren haben, wie zB. die Jünger am ersten Wochentag nach der Kreuzigung.
Sie erzählen, dass ihnen Jesus erschienen sei. Wie gesagt: es ist möglich, ihnen zu glauben, dass sie es so erlebt haben. Auch anderen Menschen können wir glauben, dass sie Unglaubliches erlebt haben.Nur: Was haben wir davon, wenn wir so etwas hören?

Dazu kommt noch, dass es gerade im Bereich des Religiösen durchaus empfehlenswert ist, kritisch zu sein. Da gibt es so viel frommes Gerede, blosses Wunschdenken ohne Anhaltspunkte im wirklichen Leben! Man hat ein Recht, misstrauisch zu sein gegenüber dem Pomp der schönen Worte. Es ist soviel Unsinn geredet worden im Namen Gottes. Es ist gut, dass es die Leute von der Art des Thomas gibt, die sagen: «Wir wollen sehen; vorher glauben wir nicht», und die sich keinen Glauben aufschwatzen lassen.

Wie kommen wir zum Glauben?
Es braucht Worte, die von Gott und Jesus Christus reden. Und es braucht ein handfestes Erlebnis. Wenn das Wort und das Erlebnis zusammenkommen, kann es sein, dass ein Mensch im Innersten berührt wird und sich öffnet. Damit ist ein Anfang im Glauben gesetzt. Weitere Erlebnisse und Worte machen den Glauben reicher. Es ist nicht schwierig, im Glauben zu wachsen, wenn einmal ein Anfang da ist. Aber der Anfang ist nicht einfach!

Ein Beispiel ist für mich Albert Schweitzer. Den Älteren unter uns ist er noch bekannt. Im Rückblick auf sein Leben drückte er es ungefähr so aus: Er wollte erfahren, welchen Anteil er habe am Jesuswort: «Wer sein Leben hingibt, wird es finden». Für ihn war es die Frage nach dem Sinn des Lebens. Beim Hören auf das Wort Gottes, bei der Bemühung um das Verstehen, beim Verkündigen der Botschaft Jesu begann die Karriere von Albert Schweitzer. Er war Theologieprofessor und Organist. Bei der Berührung mit der Not der Menschen, beim ärztlichen Berühren der Wunden, beim Berührtwerden im Innersten
wurde seine Karriere vollendet. Er war der viel bewunderte Urwalddoktor.

Wir dürfen ruhig um Berührungspunkte mit Gottes Wirken in der Welt bitten oder diese sogar fordern. Jesus hat Thomas nicht kritisiert. Wir sollen dabei aber nicht nur auf äussere Ereignisse achten. Wichtig ist dabei auch, dass wir in unserem Innersten berührt werden. Daraus wächst Glaube. Thomas tastete nach der Wahrheit. Was seine Kollegen ihm sagten, konnte er nicht in sein Denken und seine Erfahrungen einordnen. Es war ein Segen, dass Jesus auf seine Not einging.

Heute können wir Jesus nicht mehr als Person auf Erden begegnen. Aber Gott geht auch auf die Nöte unseres Lebens und Glaubens ein. Im konkreten Alltagsleben gibt es immer wieder Berührungspunkte mit Gottes Wirken: zum Beispiel wenn wir Vergebung erleben, Zuwendung, Liebe und Frieden - auch wenn sich in Angst, Not und Verzweiflung auf einmal eine Tür öffnet. Das sieht manchmal wie ein Wunder aus, zeigt uns aber, dass Gottes Wirken im gewöhnlichen Alltag vorkommt.

Tastender Glaube braucht Berührungspunkte - im tatsächlichen Leben - Berührungspunkte, die im Innersten berühren. Die einen bestärken sie in ihrem Glauben, andere führen sie neu zu Gott. Auch wir können das als Segen erfahren.

Diesen Segen wünscht Ihnen, dazu einen schönen Sonntag

Pfr. Martin Bosshard
Bereitgestellt: 24.04.2020     Besuche: 21 Monat 
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